Jeder zweite Kunde, der bei mir eine Kamera ausleiht, fragt irgendwann dasselbe: "Kann man damit eigentlich Geld verdienen?"
Meistens schauen sie dabei auf ihr Handy, wo gerade ein Typ mit hunderttausenden Abonnenten erklärt, wie er "nur mit seiner Action-Cam" durch Patagonien reist.
Das klingt gut. Das sieht noch besser aus. Und es stimmt — irgendwie.
Aber die meisten zeigen ihren Lifestyle, nicht ihre Kontoauszüge. Genau da liegt der Unterschied.
Ich schreibe das nicht um jemandem den Traum zu zertreten. Ich schreibe es, weil ich immer noch Leute sehe, die sich für einen einzigen Urlaubstrip eine Kamera für über 1.000 Euro kaufen, weil sie "damit ja auch Content machen" wollen. Manchmal ist das sinnvoll. Meistens nicht.
Was YouTube wirklich zahlt — für Outdoor-Content
YouTube zahlt über AdSense, und die Zahl, auf die es ankommt, ist der RPM: Revenue per Mille — also was du pro 1.000 Aufrufe bekommst, nach YouTubes Anteil.
Für Outdoor- und Action-Content liegt der RPM im deutschsprachigen Raum erfahrungsgemäß deutlich niedriger als in Nischen wie Finanzen oder Business, wo Werbetreibende schlicht mehr zahlen.
Was bedeutet das konkret?
- 1.000 Abonnenten, ~500 Views pro Video: Du verdienst noch gar nichts. YouTube schaltet AdSense erst ab 1.000 Abonnenten und 4.000 Watchtime-Stunden im letzten Jahr frei. Die meisten Kanäle in dieser Phase sehen null Euro.
- 10.000 Abonnenten, ~3.000–5.000 Views pro Video: Vielleicht ein kleiner zweistelliger Betrag pro Monat aus AdSense. Nicht pro Video — pro Monat.
- 100.000 Abonnenten, ~30.000 Views pro Video: Hier wird es interessanter. Einige Hundert Euro monatlich aus AdSense sind möglich, wenn die Videos performen. Manche Monate mehr, viele Monate weniger.
Kurz: AdSense allein trägt keinen Lebensunterhalt — jedenfalls nicht bei moderaten Aufrufzahlen.
Instagram zahlt — aber nicht wofür die meisten denken
Instagram hat sein Creator-Programm mehrfach umgebaut. Direkte Auszahlungen für Views sind gering. Als eigenständige Einkommensquelle ist Instagram für die meisten Outdoor-Creator dünn.
Was Instagram kann: Reichweite aufbauen, die dann woanders monetarisiert wird. Brand Deals, Affiliate-Links, Traffic auf YouTube oder Shopseiten. Als direkte Einnahmequelle sollte man die Erwartungen niedrig halten.
Wobei man sagen muss — wer Instagram nur als Direktkanal für Geld betrachtet, denkt eh am Problem vorbei.
Wo das Geld wirklich herkommt
Fast alle Creator, die davon leben — und ich meine wirklich davon leben, nicht "nebenbei ganz nett" — haben mehrere Einkommensquellen gleichzeitig.
Brand Deals und Sponsoring sind bei weitem die größte. Engagierte Kanäle im Outdoor-Bereich können für eine Integration im Video je nach Reichweite und Zielgruppe relevante Beträge verlangen. Micro-Creator mit kleineren Followerzahlen bekommen oft Produktkooperationen statt Geld — Ausrüstung, Reisen, Hotelzimmer. Keine direkte Einnahme, spart aber Ausgaben.
Affiliate-Provisionen funktionieren gut, wenn der Kanal Kaufentscheidungen beeinflusst. Amazon Associates zahlt je nach Kategorie unterschiedliche Provisionssätze. Wer eine Action-Cam empfiehlt und verlinkt, bekommt einen prozentualen Anteil am Verkauf — klingt wenig pro Transaktion, summiert sich aber bei regelmäßigem Traffic über das Jahr.
Presets und LUTs verkaufen unterschätzen viele. Ein gut gemachtes LUT-Pack für cinematic Outdoor-Footage, verkauft über Plattformen wie Gumroad für einen kleinen Betrag, kann passiv Geld einbringen — wenn der Kanal groß genug ist, um überhaupt Traffic zu generieren.
Workshops und Coaching sind das, was ich bei etablierten deutschen Outdoor-Creatorn am häufigsten sehe. Filmtechniken, Wochenend-Workshops, Online-Kurse. Margen sind gut. Aber auch hier braucht es erstmal eine Community, die einem vertraut genug ist, um Geld auszugeben.
Wichtig: Sobald du in Deutschland mit Content Geld verdienst — auch Sachleistungen wie Produkte oder Reisen können zählen — muss das versteuert werden. Sobald Absicht zur Gewinnerzielung besteht — was das Finanzamt oft schon bei regelmäßigem Sponsoring annimmt — bist du gewerblich. Im Zweifel: Steuerberater fragen, nicht Reddit.
Welche Nischen gut performen
Nicht jeder Outdoor-Content performt gleich. Was ich beobachte:
Klettern und Bouldering boomt gerade, besonders wenn es cinematic produziert ist und kurze Reels mit Tutorial-Charakter hat. Van Life hat seinen Peak überschritten, ist aber immer noch solide für Affiliate-Traffic. Cycling — besonders Bikepacking und Gravel — wächst, hat aber noch wenig große deutsche Creator. Da wäre Platz.
Am stärksten wächst gerade: Freerando und Skimo im Winter, SUP und Seekayak im Sommer. Nischen mit kaufkräftiger Zielgruppe, teurem Equipment und wenig deutschen Creatorn — genau dort, wo man noch vergleichsweise einfach Fuß fassen kann.
Teure Kamera kaufen oder mieten — ehrliche Antwort
Wenn jemand zu mir kommt und sagt, er will "für YouTube filmen" und fragt, ob er eine Kamera kaufen oder bei cam2rent mieten soll, frage ich meistens zurück: Wie viele Videos hast du in den letzten sechs Monaten fertig geschnitten?
Wenn die Antwort null ist — mieten. Klar.
Nicht weil Kaufen falsch ist. Sondern weil die meisten Creator in den ersten Monaten drei Videos machen und dann das Projekt "pausieren". Eine Action-Cam zu kaufen, wenn man sie am Ende nur wenige Male im Jahr benutzt, ist teurer als sie für die paar Ausflüge zu mieten, für die man sie wirklich braucht.
Wenn du aber weißt, dass du jeden Monat draußen bist, regelmäßig filmst und schon ein paar Videos hochgeladen hast — dann macht Kaufen Sinn. Spätestens ab einer gewissen Anzahl an Ausleihtagen im Jahr hast du den Kaufpreis auch durch Miete zusammen.
Für Einsteiger ist Mieten außerdem ein echter Vorteil: Du kannst verschiedene Kameras testen, bevor du kaufst. Wer weiß, ob er mit der Insta360 X5 (360°) besser klarkommt oder lieber die klassische Perspektive der GoPro Hero13 Black bevorzugt? Das merkst du erst beim Schneiden.
Tipp: Gute Tools für Creator-Analytics sind TubeBuddy und VidIQ für YouTube-Keyword-Recherche und Konkurrenzanalyse. Für Instagram-Insights reicht oft das native Tool, wenn du weißt, was du suchst: Watch-Time auf Reels, Saves (nicht Likes) und Follower-Wachstum pro Post. Wer ernsthafter tracken will: Metricool hat ein brauchbares Free-Tier.
Von null zu ersten Einnahmen — wie lang dauert das wirklich
Ehrliche Antwort: Für die meisten Menschen, die nebenbei Content machen, dauert es eine ganze Weile bis zur YouTube-Monetarisierung. Und das nur, wenn konsequent hochgeladen wird — mindestens zweimal im Monat auf YouTube, deutlich öfter auf Instagram.
Was ich bei Leuten sehe, die es schneller schaffen: Die fangen nicht mit "meinem Channel" an, sondern mit einer spezifischen Frage. Nicht "Outdoor-Abenteuer mit der GoPro", sondern "Bikepacking-Routes in Ostdeutschland für Einsteiger". Enge Nische, echte Zielgruppe, klares Suchinteresse.
Die ersten Einnahmen kommen fast nie von YouTube. Die kommen meistens von einem kleinen Brand Deal mit einer lokalen Outdoor-Marke oder einem Affiliate-Link, der einmal gut performt. Darauf aufzubauen, während der Kanal wächst — das ist die realistischere Roadmap als "erst viele Abonnenten, dann Geld verdienen".
Wer wirklich davon leben will, denkt sich das nicht als "YouTuber werden", sondern als kleines Medienunternehmen mit mehreren Standfüßen. Die Kamera — egal ob gekauft oder geliehen — ist dabei nur das Werkzeug. Was sie filmt, wie regelmäßig und für wen: das ist die Arbeit.



